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Oberseminar Dinge (4): Zur Archäologie des archäologischen Gegenstandes

“Das geschichtlich überlieferte – abschätzig formuliert: das Geschwätz des Gedruckten – erscheint in den Projekten der archäologischen Avantgarden [Kant, Foucault, Kittler] als Spitze jenes Eisbergs an vergangener Zeit, deren massiver materieller Sockel unsichtbar und auf immer in den Tiefen verschwunden bleibt. Nur die Spitze vom Eisberg der Geschichte (Paul Veyne) besteht aus historischer Zeit; wenn wir die Vergangenheit automatisch mit der Geschichte identifizieren, sehen wir immer nur die Spitze des Eisbergs an vergangener Zeit. Die unsichtbare, materielle Zeit ist eine Sache, die zu entbergen bleibt: eine Aufgabe nicht nur für Verschwörungstheoretiker, sondern auch für Archäologen, alte und neue.” Ebeling, 2012, S.34

Folgt man Ebeling (Wilde Archäologien, 2012) so arbeiten in der Moderne zwei Diskurslogiken gegeneinander, die sich doch nicht voneinander trennen lassen:

- die Logik der Geschichte, der Ideologiekritik und des Fortschritts auf der einen Seite und

- jene des archäologischen Dispositivs als einer fundamentalen Kritik an der historischen Selbstverortung und des Subjekts auf der anderen Seite.

Dabei bedeutet Historiographie treiben, nicht unbedingt nur intertextuell zu operieren und Archäologie auch nicht notwendig, allein im Material zu argumentieren. Die archäologische (Un-)Ordnung der Dinge bedeutet wohl vor allem: sich das Material grundsätzlich fremd zu machen, einen ethnologischen Blick auf das Eigene zu werfen und damit die Semantik zu verschieben: Bruch, Diskontinuität, Strata etc. Mit dem archäologischen Blick entschwinden zunehmend Gewissheiten des Gewordenen: In der so wahrgenommenen Kontingenz, dass alles auch anders gewesen sein könnte, erscheinen nun Möglichkeiten zur Freischaltung einer Kritik dessen was ist.

Ohne eine Wissenschaftsgeschichte und Wisseschaftstheorie der Archäologie hat aber die metaphorische Entführung des archäologischen Begriffsfeldes allein projektiven Charakter. Zu prüfen wäre vielmehr genauer, ob denn nicht die Archäologie in ihrer methodischen Öffnung und Infragestellung ihres Gegenstandes – d.h eines Objekt- und Methodenpluralismus im Bewusstsein eigener Vorläufigkeit in der Konstruktion des Gegenstandes, in ihrer Absage an eine hermeneutische Übergriffigkeit – nicht ohnehin schon je historisch die “erste Kulturwissenschaft” war. Insbesondere hätte das Augenmerk hier auf der Konstruktion und Reflexion des Ojektes als Gegenstand möglichen Wissens zu liegen.

“Material culture does not just exist. It is made by someone. It is produced to do something. Therefore it does not passively reflect society – rather, it creates society through the acts of social agents.” Hodder; Hutson, 2003, S.6.

…was natürlich auch für die archäologische Praxis selbst zu gelten hat.

Unser Seminar setzt damit die Fragestellung der Seminarreihe DINGE 1-3 nach den historischen Bedingungen des Verhältnisses materieller Kultur und Reflexion, von Ding und Deutung fort.

SS 2015 Dinge (4). Zur Archäologie des archäologischen Gegenstandes. HUB, Forschungsseminar, Mo 16-18

apparatus operandi_1::anatomie//Der Synthesizer des Friedrich A. Kittler

Seit dem Website-Relaunch des ZKM ist eine Videoaufnahme der ersten öffentlichen Präsentation von apparatus operandi1::anatomie//Der Synthesizer des Friedrich A. Kittler online:

Die Aufnahme ist entstanden im Rahmen des Symposions in memoriam Friedrich Kittler: Götter und Schriften rund ums Mittelmeer, 19./20. Oktober 2012 im Medientheater des ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe.

Bilderzyklus und Libretto sind veröffentlicht in: Friedrich Kittler. Technik oder Kunst? hg. von Walter Seitter und Michaela Ott, Wetzlar 2013 (=TUMULT. Schriften zur Verkehrswissenschaft 40). Bestellbar beim Verlag, im sortierten Buchhandel oder bei amazon.

Philologie der Schaltung?

Wir stellen zur Medienphilologiekonferenz an der Ruhr-Universtiät Bochum zum ersten Mal öffentlich die Ergebnisse unserer Schaltungsanalyse Secret Sequence vom 2. Februar 2014 vor.

Diese uns zur Analyse vorliegende Schaltung ist eine ‘Apokryphe’ aus dem Nachlass Friedrich Kittlers. Sie hat ihren Weg zu uns gefunden über die Stationen Friedrich Kittlers Keller, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Medienarchäologischer Fundus der HU Berlin, Projektarchiv apparatus operandi. Sie ist sehr weit, dem ersten Anschein nach sogar komplett aufgebaut und gehört, das ersehen wir dem Schaltplannachlass, zu einem nicht fertiggestellten sechsten Kubus Dies ist der Grund, warum sie ihren Weg zu uns gefunden hat und nicht bei den fertig aufgebauten Modulen in Marbach liegt, und warum wir – im Unterschied zu den fünf fertig aufgebauten Kuben – diese Schaltung ohne Rücksicht auf die konservatorischen und archivalischen Richtlinien des Deutschen Literaturarchivs untersuchen können. Ein erster prüfender Blick auf diese Unterlagen und erste Recherchen im Sekundärliteraturarchiv haben uns zu der Vermutung Anlass gegeben, dass es sich bei dieser Schaltung um einen digitalen Seqencer-Aufbau handelt.

Donnerstag, 15. Mai 2014,
17.30 – 18.30 Uhr
Ruhr-Universität Bochum, Beckmannshof

Veranstaltet von Rupert Gaderer an Friedrich Balkes Lehrstuhl Medienwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Theorie, Geschichte und Ästhetik bilddokumentarischer Formen.

http://www.ruhr-uni-bochum.de/medienphilologie/index_konferenz.html
http://www.apparatus-operandi.org/

Produktionspartner des Beitrags Philologie der Schaltung? von apparatus operandi am 15. Mai 2014 am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum ist neuropolis-berlin.de.

apparatus operandi – Synthesen lesen.

apparatus operandi ist ein conceptual art project von Jan-Peter E.R. Sonntag aus Setzungen in verschiedenen Formaten. Das Projekt stellt die wahrnehmungsgenerative Potenz von Apparaten in Frage. Sebastian Döring entwirft und erwägt die archäologischen Fugen und Glieder des Projekts.

1.) Ausgangspunkt

Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (DLA) finden wir einen DIY-Modularsynthesizer. Eines der fünf Module kommt im Literaturmuseum der Moderne in einer Vitrine zur Ausstellung. Die vier übrigen Module stehen neben Bastelwerkzeug, einer Hifi-Anlage und anderen Dingen in einem metallenen Schrank. Neben diesem Schrank steht noch ein weiterer Schrank und um ihn stehen historische Möbel und hängen gerahmte Gemälde. Hauptgebrauch der Schränke ist weniger das Öffnen, mehr das Verwahren.
Der Synthesizer hat einem zum Kulturwissenschaftler gewordenen theoretischen Literaturwissenschaftler gehört. Deshalb steht er dort im DLA. Selbst gebastelt, in Büro und Privatwohnung ausgestellt und mindestens eine Schaffensperiode lang immer wieder in Erzählung und Text aufgerufen. Dieser Synthesizer ist das Subjekt einer Spurensuche zwischen Deskription und Forensik. Diesen Spuren folgend suchen wir nicht etwas. Wir folgen den Spuren und lassen sie Anlass sein für Handlungen im Hier und Jetzt.

2.) Umsetzung

Jetzt und hier sind wir gebeten, einen Einblick zu geben, wie solche Spurensuche aussieht. Wir beantworten die Einladung zu diesem Workshop mit einigen Details und Betrachtungen zum Rhythmusgenerator, der (für Synthesizer eher unüblich) im ersten Modul verbaut ist, und mit der ersten Annäherung an eine separate Platine. Diese Platine ist voll aufgebaut und bestückt, und sie ist Bestandteil eines in weiten Teilen vollständigen, aber nicht mehr bis zu Ende aufgebauten sechsten Moduls. Die Bauteile dieses unvollendeten Moduls liegen nicht in Marbach, sondern wurden dem apparatus operandi-Archiv übereignet, so dass wir an diesen Bauteilen keine konservatorischen Vorgaben zu missachten brauchen.

Auf Kittlers Schreibspuren, mit scharfem Blick und wachem Ohr, mit und gegen Kittler an Nietzsche vorbei und über Foucault hinaus, gilt es nicht schlicht den Modularsynthesizer einer Vivisektion zu unterziehen. Über das Denken und Dichten von Hardware betreiben wir an den nachgelassenen Corpora Philologie, Kittler-Exegese. Schaltungsgrammatologie. „Sie haben Recht – unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ (KSB, III, 1, 172.)

www.apparatus-operandi.org/
audio.uni-lueneburg.de/downloads/Synthesen_Lesen_Programm.pdf

Produktionspartner des Beitrags Synthesen lesen von apparatus operandi am 19./20. Februar 2014 am Digital Cultures Research Lab der Leuphana Universität Lüneburg ist neuropolis-berlin.de.

secret sequence

(c) Jan-Peter E.R. Sonntag 2014
© Jan-Peter E.R. Sonntag 2014

analysis + transcription of the sq module circuit board of friedrich kittler’s unfinished synthesizer cube 6. secret art project at transmediale 2014 afterglow, haus der kulturen der welt, exhibition space. 02/02/14, 13-16 h.

participants: jens bakenhus, sebastian döring, moritz hiller, susanne holl, tania hron, alma kittler, felix pfeifer, manfred schöne, jan-peter e.r. sonntag, henry westphal.